TouchLife Massage bei Stress

Yvonne Böker, B.Sc. Komplementär- therapie:

Wie Berührung bei Stressbelastung und Stressverarbeitung hilft.

Gemäß des Stressreports Deutschland 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gewinnt der zunehmende Stress in allen Lebensbereichen in der öffentlichen Wahrnehmung stark an Bedeutung. Vor allem die chronische Belastung am Arbeitsplatz, die sich vermehrt in Form von diagnostizierten Depressionen oder Burnout-Erkrankungen zeigt, steht im medialen Vordergrund. Wissenschaftliche Publikationen weisen verstärkt auf die zunehmende Herausforderung hin, die psychische Krankheiten für alle entwickelten Volkswirtschaften darstellen. Doch nicht nur psychische Erkrankungen manifestieren sich durch stressbedingte Belastungen, sondern auch Herz-Kreislauferkrankungen, Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Binde-gewebes sowie somatische und endokrine Einschränkungen können ebenfalls Folgen permanenter Überlastung sein.

KURZBESCHREIBUNG DER BACHELOR ARBEIT

Im Rahmen meiner Bachelor-Thesis wurde die Wirkung der komplementären Methode TouchLife® bei stressbedingten Belastungen auf Beschäftigte im Gesundheitswesen unter-sucht. Besonders im Bereich des Gesund-heitswesens sind die Arbeitsausfälle durch stressbedingte Belastungen signifikant hoch. Ziel der Studie war es, die positive Wirkung von TouchLife® auf stressbelastete Personen, im Speziellen aus dem Bereich Gesundheits-wesen, zu erforschen und zu belegen. Dies geschah mittels einer explorativen, qualitativen Studie. Gleichzeitig wurden Methoden zur Messung von Stress bzw. Stressverarbeitung evaluiert. Hierbei kommen u.a. der SVF 120 als standardisierter Frage- bogen zur Stressverarbeitung, die Messung von Herzratenvariabilität (HRV) und Blutdruck für den physiologischen Bereich sowie die Befragung der Klienten und die Beobachtung durch mich, um den subjektiven Aspekt abzubilden, zum Einsatz.
Die Studie erfolgte zwischen Oktober und Dezember 2014 mit zehn, in der Mehrzahl weiblichen Probanden zwischen 38 und 62 Jahren. Alle Studienteilnehmer erhielten eine Massage-serie mit fünf Massagen in einem festgelegten Zeitrahmen und Setting. Der SVF 120 wurde bei allen Klienten zu Beginn und nach Abschluss der Serie eingesetzt, die physiologische Wirkung der Massageeinheit bei sechs Probanden durch eine 24 Stunden HRV-Messung aufgezeichnet und analysiert. Die subjektive Wahrnehmung der Teilnehmer zum Thema Wohlbefinden und Stress- bzw. Entspannungsniveau wurde während der Vor- und Nachgespräche eines jeden Termins abgefragt und zusätzlich durch die Eintragung in ein Wahrnehmungstagebuch sowie meinen Beobachtungen dokumentiert.

STRESS UND STRESSVERARBEITUNG

Erst in den 1940iger Jahren definiert Walter Bradford Cannon (*1871, †1945), ein US amerikanischer Physiologe, den Begriff Stress wie folgt: „Stress ist die Summe aller unspezi-fischen Wirkungen von Faktoren (normale Tätigkeit, Krankheitserzeuger, Medikamente, usw.), die den Körper beeinflussen können.“ Die stresserzeugenden Faktoren werden als Stressoren benannt (vgl. Selye 1991, S. 67). Für Hans Selye ist die Reaktion auf Stress in einen dreigeteilten Mechanismus unterteilt: „1. den direkten Einfluss des Stressors auf den Organismus, 2. körpereigene Reaktionen, welche die Abwehrkraft des Gewebes anregen, und 3. körpereigene Reaktionen, welche die Übergabebereitschaft des Gewebes fördern, indem sie die Abwehrkraft hemmen. Widerstand und Anpassung hängen vom richtigen Gleichgewicht dieser drei Faktoren ab“ (Selye 1991, S. 70 f.). Erdmann und Janke summieren in ihrer Definition unter Stressverarbeitung „alle vom Individuum angestoßenen Maßnahmen zusammen, mit welchen es versucht, sich auf ein Stress-geschehen vorzubereiten oder ihm zu begegnen, es zu verhindern, abzuschwächen, zu verkürzen, zu beenden oder sich ihm anzupassen.“ (Erdmann et al. 2008, S. 54)

FLÜCHTEN ODER STANDHALTEN

Stress ist grundsätzlich ein Mechanismus, welcher Menschen und Tiere sehr schnell mit sehr viel Energie versorgen kann, um einer Situation zu entfliehen bzw. zu überleben. Cannon beschreibt dies in seiner „Fight-or-Flight“ Theorie. Das Stammhirn reagiert reflexartig auf alles Unerwartete, schätzt in Sekunden die Gefährlichkeit der Situation ein und fällt die Entscheidung, sich dem „Kampf“ zu stellen oder der Situation zu „entfliehen“. Wird eine Gefahr wahrgenommen, wird das autonome Nervensystem den Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet, die Herzschlagaktivität wird gesteigert, die Durchblutung wird erhöht, die Atmung wird schneller, der Magen-Darm-Trakt wird blockiert. Cannon stellt heraus, dass dies körpereigene Regulierungsvorgänge sind und unterstützt das Prinzip der Homöostase. Auch heute noch identifiziert der Körper auto-matisch Gefahren, obwohl es nicht um das Überleben geht. Die gesamte Energie wird für die Muskelkraft aktiviert, wobei sich die Muskeln verkrampfen, um eine Aktivität
auszuüben, diese aber letztendlich nicht ausgeübt wird. Dies führt zu einem Überhang an gestauter Energie, welche sich bspw. durch Verspannungen im Rücken, den Schultern, dem Nacken, den Armen, den Beinen und Füßen zeigt (vgl. Kury 2012, S. 56 ff; vgl. Eller-Berndl 2010, S. 167).
Akuter Stress wirkt sich allerdings auch positiv auf das Wohlergehen, die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit aus, bspw. durch eine verbesserte Gehirndurchblutung. Diese Form des Stresses wird als Eustress bezeichnet. Erst Dauerstress wird problematisch, da durch immer wieder neue Reize eine Erholungs-phase verhindert wird und der Sympathikus ständig aktiviert bleibt. Gemäß Eller-Berndl kann diese Aktivierung über Jahre anhalten, bis es durch die Überlastung des Organismus zur Erschöpfung und einem Ungleichgewicht der Botenstoffe kommt (vgl. Eller-Berndl, 2010, S. 167).
Erwähnenswert ist, dass sich laut Olpe et al. pränataler Stress negativ auf die Hirnent-wicklung und Entzündungsprozesse des Menschen auswirkt, die Stressanfälligkeit erhöht wird und diese erhöhte Stress-sensibilität ein Leben lang erhalten bleibt (vgl. 2014, S. 67). Neben der Genetik, der gesammelten Erfahrung und dem entwickelten Verhalten hängt es vor allem von der Erhöhung des Botenstoffverbrauchs und der bleibenden Botenstoffzusammensetzung ab, wie chronischer Stress verarbeitet wird. So kann langanhaltender Stress zu depressivem, aggressivem oder ängstlichem Verhalten führen (vgl. Eller-Berndl 2010, S. 168). Botenstoffe können bspw. mittels Speichel oder Urin getestet werden.
Durch Berührung wird Entspannung und Konzentration gleichzeitig unterstützt und gefördert.

DIE HAUT, DAS TAKTILE ORGAN

Die Hautoberfläche verfügt über eine immense Anzahl sensorischer Wahr-nehmungsorgane, welche Reize wie Schmerz, Kälte, Wärme und Berührung empfangen können. Nach Montagu wird vermutet, dass auf 100 Quadratmillimeter etwa 50 solcher Wahrnehmungsorgane integriert sind und die Tastkörperchen mit einer Varianz zwischen 7 bis 135 pro Quadratzentimeter vorkommen. Weit über eine halbe Million Sinnesfasern ziehen sich von der Haut zum Rückenmark (vgl. Montagu 2012, S. 8). Die Haut erfüllt vielfache Funktionen. Diese sind bspw. das Tastempfinden und die Schmerzwahr-nehmung, welche lebensnotwendige Warn-signale darstellen. Die Haut überträgt Informationen durch eine Vielzahl von Stimuli auf Hautrezeptoren (vgl. Goldstein et al. 2008, S. 335).



PHYSIOLOGIE DER BERÜHRUNG

Berührung ist laut Ashley Montagu die wesentlichste Sinnesempfindung des Körpers und postuliert, dass sie möglicherweise die wichtigste Wahrnehmung im Prozess des Schlafens und Wachens ist. Durch die
Tastkörperchen der Haut können die Unterschiede von Tiefe, Struktur und Form übertragen werden, wird Empfindlichkeit wahrgenommen und generell empfunden (vgl. Montagu, 2012, S. 7). Eine Entspannung des zentralen Nervensystems wird durch Berührung hervorgerufen, die auf die Tast- und Druckrezeptoren wirkt. Weiterhin wird auf biochemischer Ebene und auf der Verhaltensebene Stress und Angst abgebaut. Entspannung und Konzentration werden hierdurch gleichzeitig unterstützt und gefördert.

FORSCHUNGSSTAND DER MASSAGETHERAPIE BEI STRESSBEDINGTEN BELASTUNGEN

Verglichen mit Gesichts-, Gehör-, Geruchs- und Geschmackssinn, wurde dem Tast- und Fühlsinn bis in die 1980iger Jahre seitens der Wissenschaft wenig Beachtung geschenkt, obwohl die Haut das größte Sinnesorgan ist. Um dies zu ändern, gründete Tiffany M. Field, eine US amerikanische Psychologin im Jahr 1992 das Touch Research Institute und führte zahlreiche Studien in Bezug auf Körperkontakt und Berührung durch (vgl. Field 2003, S. 11 ff.; Field 2015). In einer Studie des Touch Research Institute erhielten minderjährige Mütter nach der Geburt ihres Kindes zweimal wöchentlich eine halbe Stunde Massage; die Massagen reduzierten Depressionen und Stress zum einen durch die Verminderung des Kortisolspiegels, und zum anderen durch die Erhöhung des Serotoninspiegels. Bei der Studie wurden Bluttests und Gehirnströme mittels EEG einbezogen (vgl. Field 2003, S. 12 f. und S. 60).
Wege in die Entspannung und Regeneration durch die komplementäre Methode TouchLife®

MASSAGE GEGEN STRESS

Stressbedingte Belastungen und Druck führen bei den hohen Erwartungen, der schnelllebigen Lebensweise und sozio-psychologischen Problemen zu einer Vielzahl von typischen Begleiterscheinungen wie Muskelverspannungen, Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Problemen. Weiterhin werden durch Stress die Herzfrequenz, der Blutdruck und der Stresshormonspiegel (bspw. Norepinephrin und Kortisol) erhöht, wohingegen die Durchblutung des Verdauungstrakts, der Extremitäten und des Immunsystems eingeschränkt wird. Field führt aus, dass stressbedingte Belastungen durch Massagen spürbar gesenkt wurden (vgl. Field 2003, S.112).

ERGEBNISSE MEINER STUDIE

Vor Beginn meiner Studie stellte ich folgende Hypothesen auf:

  • Eine TouchLife® Behandlungsserie führt zu einem verbesserten Umgang mit stressbedingten Belastungen, d.h. der Wert des positiven Stressverarbeitungsindikators erhöht sich, der Wert des negativen Stressverarbeitungsindikators sinkt.
  • Die TouchLife Behandlung wirkt sich positiv auf die Werte der Herzratenvariabilität aus (z.B. Regeneration, Entspannung)
  • Die TouchLife® Behandlung mit Entspannungsintention führt zur Senkung der Pulsfrequenz.
  • Eine TouchLife® Behandlung führt zu einer Steigerung des subjektiven Wohlbefindens.
  • Eine TouchLife® Behandlung führt zu einer Senkung des subjektiven Stress-Niveaus.
  • Eine TouchLife® Behandlungsserie wirkt sich positiv auf die Körperwahrnehmung aus.

Diese Hypothesen konnten zu einem Großteil angenommen werden. Die Rückmeldungen der Studienteilnehmer in Bezug auf die subjektive Wahrnehmung zeigen auf, dass die umfassende, achtsame Begleitung mit Gespräch und Massage einen bleibenden Eindruck hinterließ.

FAZIT

Aufgrund der geringen Probandenzahl und dem explorativen Charakter der Forschungsarbeit ist eine allgemeine Aussage nur bedingt möglich. Die Erkenntnisse aus der Studie sind jedoch vielversprechend für weiterführende Forschungsarbeiten.


LITERATURVERZEICHNIS

Eller-Berndl, Doris (2010): Herzratenvariabilität. 1. Aufl. Wien: Verlagshaus der Ärzte.
Erdmann, G., & Janke, W. (2008). SVF - Stressverarbeitungsfragebogen, 4. Überarb. u. erw. Aufl. Göttingen: Hogrefe.
Field, T. (2003). Streicheleinheiten – Gesundheit und Wohlergehen durch die Kraft der Berührung. München: Knaur MensSana.
Goldstein, Eugen Bruce; Irtel, Hans; Plata, Guido (2008): Wahrnehmungspsychologie. Der Grundkurs. 7. Aufl. Berlin [u.a.]: Spektrum, Akademiker Verlag.
Kury, Patrick (2012): Der überforderte Mensch. Eine Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout. Frankfurt am Main: Campus Historische Studien, 66.
Montagu, Ashley (2012): Körperkontakt. Die Bedeutung der Haut für die Entwicklung des Menschen. 12. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
Olpe, Hans Rudolf; Seifritz, Erich (2014): Bis er uns umbringt? Wie Stress Körper und Gehirn attackiert - und wie wir uns schützen können. Neue Ausg. Bern: Verlag Hans Huber.
Selye, Hans (1991): Stress beherrscht unser Leben. Das Standardwerk des Pioniers der
Stressforschung. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG (Heyne Lebenshilfe, 17/67).
Yvonne Böker, conmea, Maintal, März 2018©